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Sicherheit Das Thema Sicherheit hat auch beim Bergsteigen eine oberste Priorität. Oft wird diskutiert, wie die Suche des Bergsteigers nach Abenteuer, Grenzerfahrungen oder „Freiheit“ mit dem Wunsch und Bedürfnis nach größtmöglicher Sicherheit zu vereinbaren sind. Beide, meines Erachtens konträren Punkte werden in der Alpin Werbung propagiert.
Die Sicherheitsstandards und Normen der Ausrüstung waren wohl noch nie so hoch wie heute. Geht man heute in ein Sportgeschäft und lässt sich beraten was man alles zum Bergsteigen (je nach Bereich) benötigt, wird man schon einmal „ordentlich“ eingekleidet. Wer dann glaubt, mit dieser standardtauglichen, oft teuren Ausrüstung sicher unterwegs zu sein, kann unter Umständen bittere Enttäuschungen erleben.
Es zeigen sich beim Bergsteigen nach meiner Erfahrung sehr unterschiedliche Sicherheitsaspekte. Dies ist einmal der äußerer Aspekt der Ausrüstung und deren sachgemäßer Gebrauch. Beim Klettern kommt die Ausstattung der Klettertour, ob sie mit Bohrhaken als das sicherste oder mit Normalhaken und natürlichen Sicherungsmitteln ausgestattet ist, sehr stark zum tragen.
Ein weiterer, etwas heiklerer Punkt ist die Tourenplanung. Wie steht das Tourenziel, der Tourenwunsch mit meinen Fähigkeiten in Verbindung? Entsprechen meine Ziele meinen Fähigkeiten? Es ist empfehlenswert, sich von leichteren, kürzeren Zielen langsam auf größere Touren vorzubereiten. Man gewinnt so eine Erfahrung für das eigene technische Können und ein Gefühl für die körperlichen und psychischen Anforderungen am Berg. Wie stimmen beispielsweise die Angaben einer Tourenbeschreibung, eines Führers, mit der eigenen benötigten Zeit überein? Waren die schwierigsten Stellen schon am Limit? Es ist eine ehrliche Reflektion nötig, da nur jene eine möglichst reale Einschätzung für die nächste Tour gibt.
Neben diesen, mehr „äußeren“ Aspekten gibt es auch einen „inneren“ Aspekt. Er betrifft das Beziehungsverhältnis oder die innere Einstellung mit welcher der Bergsteiger dem Berg begegnet. Warum plane ich die jeweilige Tour? Ist es die Faszination für den Berg, seine Eigenheiten, seine spezifische Schönheit? Ist es die Suche nach einem ästhetischen Spiel? Dies könnten sein: Die eleganten Bewegungen beim Klettern, das rhythmische Erleben des Wanderers auf einem harmonisch geschwungenen Weg, oder die Begegnung mit dem weichen, aufnehmenden Element des Schnees im Winter. Die Erlebensweisen sind unterschiedlich und sehr vielfältig.
Oder möchte ich, im Gegensatz hierzu, den Gipfel, eine Felswand, Schwierigkeit oder Leistung für mich gewinnen? Fühle ich mich dem Berg gegenüber als jemand der alles „im Griff“ hat, oder als bescheidener Gast, der auf die guten Bedingungen angewiesen ist?
Heinz Grill schreibt in seinem Buch: „Der Archai und der Weg in die Berge“, dass der Bergsteiger, der zu sehr dem Eroberungsdrang unterliegt, immer in einer gewissen Gefahr ist, ohne dass er es weiß. Er empfiehlt deshalb, bei einer Tour die Möglichkeit eines Rückzuges mit einzukalkulieren und sich offen zu lassen. Dies aber weniger aus Ängstlichkeit, sondern aus dem Gefühl des Respektes und Dankbarkeit, die aus der Wirklichkeit des Ausgeliefert-Seins am Berg heraus entsteht. Er schreibt: „Dieses Gefühl der Ehrfurcht, das eine wahrhaftige Tugend und Reife des Menschseins darstellt, ist der größte Sicherheitsfaktor, den ein Bergsteiger bei seiner Tour haben kann.“
Wie ist diese Aussage zu verstehen? Wie hängt das Gefühl der Ehrfurcht mit der Sicherheit zusammen? Die folgenden Beispiele können dies verdeutlichen.
Ein Beispiel kann die Erzählung des bekannten, langjährigen Leiters des DAV- Sicherheitskreises sein, der die Ostwand des Grand Capucin am Mont Blanc besteigen wollte. Sie beginnt: „....und eigentlich wollten wir ihn im Handumdrehen machen.“ Die Geschichte endet aber damit, dass mehrere ungeplante Biwaks in der Wand notwendig waren. Eine leichtfertige Einstellung (wir machen ihn im Handumdrehen) endete im Biwak.
Welcher Bergsteiger kennt es nicht, dass das eigene, oder auch aus einer bestimmten Gruppendynamik heraus entstandene Wollen so groß ist, dass man den Berg mit seinen Anforderungen und Bedingungen übersieht. Wie schnell und leicht sind große Pläne in einer gemütlichen Runde geschmiedet. Die Ideen sind überschwänglich, berauschend und abenteuerlich...
Beginnt man dann eine Berg- oder Klettertour mit dem Glauben problemlos und schnell sein Ziel zu erreichen, so kann es sein, dass man, ins Gespräch mit den Kollegen vertieft, schon die erste Weggabelung übersieht oder sich in der Klettertour versteigt.
Man kann dann durch unnotwendige, vielleicht gefährliche Umwege, etwas „geläutert“ wieder auf den richtigen Weg gelangen. Oft meint man in diesen Fällen, dass halt die Tourenplanung nicht ausreichend war und man etwas übersehen hat. Die Reflektion über die Einstellung oder innere Haltung die man dem Berg oder dem Unternehmen gegenüber hatte, bleibt im Untergründigen.
Was für ein Bild kann sich im Gegensatz hierzu zeigen? Wie sieht es aus, wenn man vorsichtiger, mit dem Gefühl des „Nicht-Wissens“ oder des nur Bedingten - Könnens an den Berg herangeht? Der Bergsteiger wird schon bei der Tourenplanung hoffen und bangen, dass er den Weg gut findet oder die schwierigen Passagen gut meistert. Der Kletterer wird sich die Tourenbeschreibung besonders sorgfältig durchlesen und sich Schlüsselstellen einprägen.
Er wird bei der Durchführung der Tour schon am Wanderweg genau darauf achten, wo die richtige Abzweigung kommt, bei einer Klettertour den richtigen Routenverlauf immer wieder überprüfen und die Möglichkeiten des Abseilens und Abbruchs der Tour miteinkalkulieren.
An diesen Beispielen kann klar werden, dass wenn der Bergsteiger etwas leichtfertig an eine Tour herangeht, schnell Missgeschicke, „Verhauer“ oder auch gefährliche Situationen entstehen können. Die überheblichen Vorstellungen in der Tourenplanung, wie problemlos ein - oder auch mehrere Berge hintereinander bestiegen werden, lassen sich nicht immer mit der Realität verbinden.
Gibt man dem Berg im Gegensatz dazu eine reale Autorität und ist sich des eigenen Ausgeliefert-Seins am Berg bewusst, bewegt sich der Bergsteiger vorsichtiger an den Steiganlagen empor. Ich möchte dies als Einordnung in die Dimension des Berges bezeichnen. Dies führt dazu, dass die Aufmerksamkeit des Bergsteigers mehr beim Berg und seinen hoffentlich guten Bedingungen ist. Dadurch werden diese besser wahrgenommen und vorsichtiger eingeschätzt. Der Bergsteiger rechnet mit schlechten, schwierigen und mühsamen Bedingungen. Kommen dann die Verhältnisse besser als gedacht, freut man sich und erlebt den Berg aufnehmend. Hat man im Gegensatz dazu die Bedingungen als zu leicht eingestuft, überraschen den Bergsteiger die Schwierigkeiten. Er erlebt den Berg mühsamer als zuerst gedacht oder erreicht nicht den Gipfel und ist enttäuscht.
Eine konkrete, aufmerksame Wahrnehmung für den Berg schenkt Vertrauen und Nähe. Beim Klettern geschieht dies, wenn ich mir die einzelnen Wandabschnitte mit dem Tourenverlauf genau einpräge. So lerne ich die Wand mit ihren unterschiedlichen Formen wie Pfeiler, Verschneidungen, Kaminen, Platten und Überhängen genau kennen. Diese Formationen geben auch unterschiedliche Empfindungen wie die des Geschützt-Seins oder die der Ausgesetztheit. Auch diese können oder sollten schon vorweg erlebt werden. Beim Klettern ist auch die Wandexposition mit einzukalkulieren. Dies nicht nur wegen der unterschiedlichen Bekleidung oder Getränke, die mitzuführen sind, sondern auch wegen der unterschiedlichen Stimmungen, welche in den Wänden herrschen. Die N-Wand erscheint oft „strenger“ und „grimmiger“. Die S-Wand freundlich und aufnehmend. So vertiefen sich die Vorstellungen über einen Berg und eine Klettertour. Dies ist aber auch auf alle anderen Bergtouren zu übertragen.
So haben wir in der Tourenplanung drei unterschiedliche Bilder oder Ebenen. Dies sind einmal die technischen Informationen mit den Anforderungen, Zeitangaben und Schwierigkeiten. Dann aber auch das Bild des Berges, mit seinen Wänden, Flanken, Pfeilern, seinen steilen und flachen Abschnitten. Als drittes Bild oder Ebene ergeben sich die Empfindungen und Eindrücke die der Bergsteiger aus der Beschäftigung mit diesen Bergformen und Expositionen erlebt. Vor allem die letzten beiden Bilder schenken Vertrauen und eine Nähe zum Berg. Dieses Vertrauen und diese Nähe können eine Basis für die „innere Sicherheit“ bieten.
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Bernina, der elegant geschwungene Bianco-Grat |
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Bewegungsvielfalt beim Klettern |
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Stiebender Pulver, das Element des Schnees |